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Medien-Tipp

Witz, Psychologie und Weltliteratur

Wie in der Serie 'Annika - Mord an Schottlands Küste' nicht nur Fälle gelöst werden.

Ein Unterschied zu anderen Krimiserien ist das Spiel mit epischen Elementen. Die vierte Wand zum Publikum wird durch die direkte Ansprache durchbrochen. Die Hauptfigur wendet sich in ihrer Rolle an das Publikum. Die Monologe zeigen dem Publikum mehr über ihre Perspektive in der Serie und stärken die Identifikation mit dieser Rolle. Gleichzeitig wird aber auch der erzählende Charakter der Serie verdeutlicht – und eine Distanz zu den Geschichten aufgebaut. Denn die Erzählerin geht mit uns kommentierend durch die jeweiligen Fälle. Schließlich schafft sie eine Verbindung zwischen dem jeweiligen Fall und einer meist klassischen literarischen Vorlage. Dies teilt sie aber nicht nur mit dem Publikum, sondern die Bücher und ihre Gedanken begleiten sie ganz praktisch bei ihrer kriminalistischen Arbeit mit ihrem Team. Durchgängig trägt der trockene Humor der Hauptfigur die Episoden, in denen Familie, Fall und Literatur zu immer neuen Mustern verwoben werden.

Sprache als Werkzeug

Detective Inspector Annika Strandhed ist die neue Leiterin der Marine-Mordkommission der schottischen Polizei in Glasgow. "Nennt mich Annika." ist ihr erster in die Kamera gerichteter Satz. In zwei Staffeln und zwölf Episoden entfaltet sich ein Kosmos zwischen Polizeiarbeit und Familiendramen rund um die Hauptfigur und ihre jugendliche Tochter Morgan. Zum Team gehören Michael, der sich schon auf der vakanten Position gesehen hatte, der an Annikas Herangehensweise interessierte Assistent Tyron, seine kluge und tüchtige Nachfolgerin Harper und die ebenfalls mit Sarkasmus begabte Chefin. Familiendramen, Konflikte im Freundeskreis und in Geschäftsbeziehungen führen uns in unterschiedliche gesellschaftliche Milieus. Bizarre Szenarien wie eine Leiche im Eisblock, im Käfig oder im Haifischbecken weiten sich zu Einblicken in Bildung, Wirtschaft, Kunst und Kultur.

Als Jugendliche entschliesst sich Annika gegen eine Rückkehr mit ihren Eltern nach Norwegen und für eine Ausbildung als Polizistin. Mit ihrem Dienstantritt werden die weiteren familiären Verwicklungen parallel zur kriminalistischen Arbeit erzählt. Ihre Tochter vermisst ihre vertraute Umgebung und tröstet sich an der Hausbar. Der für eine kurze Intervention eingeschaltete Therapeut Jake hilft nicht nur Morgan, sondern wird im Laufe der Zeit auch zum Partner ihrer Mutter. Über Morgans Vater werden erst das Publikum, danach der Vater und – als sie selbst wie vereinbart danach fragt – auch die Tochter aufgeklärt. Bis dahin werden nicht nur Jake, sondern auch Annikas Vater in den Prozess der Aufklärung einbezogen.

Literarische Empfehlungen

Welche menschlichen Leidenschaften im Spiel sind bzw. welche Rolle Moral und Recht einnehmen, reflektiert Annika bei der Aufklärung der Verbrechen oder der Ergründung familiärer Problemlagen durch den Rückgriff auf die Literatur. So begegnen wir Figuren aus der griechischen und nordischen Sagenwelt. König Agamemnon, King Lear und Viola aus Shakespeares' 'Was ihr wollt' bekommen ihren Auftritt. Auch 'Waverly', ein Frühwerk von Walter Scott, Kapitän Ahab aus Herman Melvilles 'Moby Dick', der 'Volksfeind' von Henrik Ibsen und 'Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde' von Robert Louis Stevenson sind für Annika inspirierende Quellen. Mit der Entstehung von George Orwell's '1984' ergibt sich sogar ein lokaler biografischer Bezug. Nur der Architekt berühmter Brücken Thomas Telford bleibt die einzige historische Gestalt inmitten dieser literarischen Gestalten.

Zur vielseitigen Erzählweise der Serie gehören nicht zuletzt spektakuläre Aufnahmen in der Natur, rasante Verfolgungsjagden und explosive Effekte zu Wasser und zu Land. Sie sind in der Hörspielfassung (2013 bis 2020) zwar noch nicht zu sehen. Die Schauspielerin Nicola Walker ist aber schon im Radio als Protagonistin dabei, und bis auf die Verlagerung des Schauplatzes von Norwegen nach Schottland hat der Autor Nick Walker seine ursprüngliche Konzeption ins Fernsehen (2021 bis 2023) übertragen. In Kooperation mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) ist die deutsche, von 60 auf 45 Minuten gekürzte Fassung der Episoden entstanden (ab 12 bzw. 16 Jahren). Wer die Ausstrahlung verpasst hat, kann die Serie im Streaming oder als DVD ansehen – oder zu einer Reise durch die literarischen Angebote aufbrechen. (jk)